Wie manches im Kopf bleibt  
Meine Erfahrung mit Lern-Apps, Sprachkursen und den Fakten aus der Gedächtnisforschung

Ich erinnere mich noch gut an Mathe in meiner Kindheit. Solange ich das Siebener-Einmaleins nicht fehlerfrei aufsagen konnte, war an Spielen mit meinen Freunden nicht zu denken. Für mich blieb es ein anstrengendes Unterfangen – zwischen dem beharrlichen Willen meiner Mutter und meinem Gedächtnis, das sich diese Zahlenfolge einfach nicht merken konnte. Ganz anders erging es mir mit Sprachen: Englisch fand ich easy und auch der Französischunterricht bei Madame Marquardt – mais oui! Mit großer Begeisterung las sie Voltaires Candide – ihre Freude an dem Text war ansteckend, und da machte auch mir die Lektüre Spaß. Wie läuft Erinnerung ab – und wie können wir so lernen, dass wir uns auch langfristig daran erinnern?

Da mir das Erlernen von Sprachen Freude macht und ich den Klang gerne höre, lerne ich seit zwei Jahren Italienisch. Auf dem digitalen Markt finde ich jede Menge Lern-Apps: Ich starte mit Duolingo und bin erstaunt, wie mich der eingebaute Spielemechanismus zu nie gekannter Ausdauer motiviert. Irgendwann merke ich, dass ich mir schräge Sätze mit Schildkröten sehr gut merken kann – dieses Wissen im Urlaub aber vermutlich nicht benötigen werde. Daher wechsle ich zu Babbel. Babbel bietet im Gegensatz zu Duolingo auch Grammatikerklärungen. Nach einem halben Jahr Online-Übungen wird mir das dann etwas zu steril und ich schreibe mich ein in den VHS-Kurs mit einem echten Italiener: Giacomo di Livorno – er spricht ein klangvolles toskanisches Italienisch – mein Gehirn wiederholt ganz automatisch und offenbar mühelos die Sätze. Parallel suche ich mir zwei Tandempartner. Wir üben mit Texten, von KI erstellt. Nach dem vierten VHS-Kurs stelle ich leider fest, dass von der Grammatik, abends gelernt, wirklich nichts hängen bleibt. Es liegt an der kognitiven Erschöpfung schreibt Gemini. Ich suche nach alternativen Wegen. Kaufe mir ein Buch, von dem ich denke, dass es mir zusagt, und erzähle meinem Tandempartner davon. Der winkt sofort ab. Er schwört auf die auditive Methode und hört täglich Texte. Trotz seiner mehr als intensiven Praxis ringt er wie ich nach Worten, wenn wir uns online treffen.

Es gibt zahlreiche Lernmethoden: unter anderem Immersion, Active Recall / Retrieval und Spaced Repetition genannt. Sich mit der Sprache zu umgeben, etwas selbst zu formulieren und Wiederholungen mit größer werdenden Abständen sind die Schlüssel zum Lernerfolg. Wirklich begeistert bin ich, als ich die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Kognitionspsychologie entdecke. Schon Hermann Ebbinghaus zeigte im 19. Jahrhundert mit seinen Gedächtnisexperimenten, dass Vergessen ein Teil des Lernens ist. Er lernte sinnlose Silben (z. B. „BAP“, „LUK“). Bereits kurz nach dem Lernen geht ein großer Teil des Gelernten verloren. Nach etwa einem Monat bleibt ohne Wiederholung nur noch ungefähr ein Fünftel erhalten. Ich teste mich mit italienischen Vokabeln und komme zu ähnlichen Zahlen. Wiederholung macht den Unterschied: Mehrere Wiederholungen in zunehmenden Zeitabständen (Spaced Repetition) erhöhen die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass Informationen dauerhaft gespeichert werden.

Ich erstelle mir ein Lernset à 20 Vokabeln auf einer App mit entsprechend größer werdenden zeitlichen Abständen. Um Level B1 und die alltagstaugliche Mittelstufe zu erreichen, fehlen mir vermutlich noch viele Wörter. Meine Berechnung ergibt: Jeden Tag 20 Vokabeln mit Spaced Repetition fünfmal wiederholt, und dann wäre ich in ca. 2 Monaten bei meinem gewünschten Ziel. Mein Prompt an die KI Gemini bringt mich auf den Boden der Tatsachen zurück und weg von meinem Plan, denn irgendwann müsste ich täglich an die 100 Vokabeln wiederholen. Außerdem werden Vokabeln mit Kontext, Bildern oder Sätzen besser behalten. Daher macht es Sinn, Vokabeln nicht als Einzelwort zu lernen, sondern sie als Mini-Satz laut auszusprechen. Diese Erkenntnisse werde ich nutzen, um mir meine finale Methode zusammenzustellen.

Wer eine Sprache lernen möchte, braucht vor allem eine Methode, die er langfristig verfolgen wird. Da das Gehirn nun einmal vergisst, dauert es mehrere hundert Stunden, um eine Sprache alltagstauglich sprechen zu können, denn die 2.500 bis 4.000 Wörter, die man durchschnittlich benötigt, müssen gelernt werden – ganz abgesehen von Grammatik und richtiger Aussprache. Für ein Sprachniveau von B1 geht man im Schnitt von ca. 350 - 400 geführten Lernstunden plus Selbststudium aus. Am Ende gewinnt nicht die Methode, die am besten klingt, sondern diejenige, mit der man tatsächlich jeden Tag weiterlernt. Meinen Lernplan habe ich nun neu aufgestellt: Jeden Tag etwa zehn neue Vokabeln mit passenden Beispielsätzen lernen, regelmäßig Italienisch auf einem Niveau hören, bei dem ich etwa 70 bis 80 Prozent verstehe. Im Anschluss versuchen, das Gehörte selbst in Worte zu fassen, und meine Tandemgespräche fortsetzen. Dabei möglichst Spaß haben, denn Motivation und Freude am Lernen gehören zu den wichtigen Faktoren, um langfristig dranzubleiben und das Gelernte im Gedächtnis per Dopamin zu verankern. Und gut schlafen, denn der Schlaf nach dem Lernen ist wichtig damit das Gelernte fest im Langzeitgedächtnis verankert wird.


Mein Unterrichtsmaterial

Lehrbücher
Con piacere nuovo A1 (2.300 Wörter)
Con piacere nuovo A2 (1.700 Wörter)
Nuovo espresso B1 (ca 1.000 Wörter)

Vokabeln
phase6
ankiweb
quizlet

Sprachpartner
Tandem

Apps
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Babbel
Lingua.com