Kunst der Entscheidung
Zwischen Logik und Bauchgefühl

Wichtig ist es, sich überhaupt zu entscheiden, denn Menschen fühlen sich nach einer Entscheidung besser und am schlechtesten fährt man damit, sich gar nicht zu entscheiden. Das steht alles im Buch: Besser denken von Henning Beck.

Ich benötige einen Mantel: kurz und aus Wolle. Mit dem Mantel will ich Rad fahren können, und er muss auch in meinen Schrank passen. Als Ausgangsposition für eine Entscheidung ist das schon mal prima, sagt das Buch, denn ich habe meine Kategorie „kurzer Wollmantel“ festgelegt.

Optisch orientiere ich mich an Bea Johnson, Designerin mit Capsule Wardrobe und Klaus Biesenbach, Direktor der Nationalgalerie Berlin. Beide tragen Schwarz, Weiß und Blau.  Sagen wir: deutsch, konventionell, klassischer Stil. ChatGPT sagt mir nach Analyse meiner Kleiderkäufe: Die Garderobe vermittelt eine praktische, unkomplizierte Persönlichkeit, die Komfort über Mode stellt, eher aktiv als modisch inszeniert wirkt und durch eine entspannte, bodenständige Ausstrahlung geprägt ist.

Obwohl ich in Berlin wohne gibt es meinen favorisierten Mantel nirgendwo vor Ort zu kaufen. Daher bestelle ich bei Zalando. Mir sind Pakete aus mehreren Gründen mittlerweile extrem lästig: Ich tausche zu oft um, und dann ist da auch noch DHL. Ab dem Zeitpunkt der Bestellung bombardieren sie mich mit E-Mails, um mir mitzuteilen, dass der Versand startet, dass das Paket unterwegs ist und dass es in der Postbox angekommen ist. Wenn ich es dort nicht innerhalb kurzer Zeit abhole, folgt bereits die Mahnung, dass es bald zurückgeschickt werde und ich mich bitteschön beeilen möge. Gestern wurde plötzlich die Paketbox geändert. So muss ich mein Paket gefühlt am anderen Ende der Stadt abholen. Ein großer Spaß, denn wenn es – wie heute – schneit, ist damit quasi eine Wanderung nach Lappland mit inbegriffen.

Warum nutze ich überhaupt die Paketbox und nicht die freundlichen Nachbarn im Haus? Weil es mit Nachbarn in der Vergangenheit schon große Probleme gegeben hat. Meine Pakete blieben verschollen, wurden zwei Straßen weiter wiedergefunden oder lagen wochenlang bei Menschen, die im Urlaub waren. Daher bevorzuge ich die Paketbox. Für mich ist sie das kleinere Übel.

Der Mantel wird mit Bügel geliefert – offenbar, um die Hochwertigkeit der Ware und den Verkaufspreis zu rechtfertigen. Obwohl ich in meiner üblichen Größe bestellt habe, ist mir der Mantel zu groß. Bilde ich mir das ein? Tipp aus dem Buch: Bei Entscheidungsschwierigkeiten holen Sie sich eine zweite Meinung ein. Zum Glück habe ich Besuch und frage nach. Das Ergebnis ist eindeutig: Der Mantel ist zu groß.

Nachts, kurz vor dem Einschlafen, zweifle ich grundsätzlich am Mantel. Der kurze Kragen wird meinen Hals nicht wärmen. Die meisten Online-Shops bieten Filterfunktionen, also sehe ich mir tausende schwarze, kurze Wollmäntel mit Stehkragen auf diversen Portalen an. Offenbar bin ich ein Maximierer. Maximierer vergleichen alle verfügbaren Optionen, treffen objektiv die beste Entscheidung und sind anschließend am unzufriedensten. Besser haben es die Satisficer: Sie entscheiden sich nach zwei oder drei Ansichten und freuen sich daran.

Für mich bleibt das allerdings alternativlos. Einmal Maximierer, immer Maximierer. Daher konzentriere ich mich auf den Vorteil: Maximierer treffen objektiv die beste Entscheidung.

Ich zögere kurz, ob ich nicht doch das Dreifache ausgeben soll – ein Mantel fürs Leben. Oder zumindest für zehn Jahre. Ich komme zu dem Schluss, dass das eher unwahrscheinlich ist, und bestelle einen anderen schwarzen Kurzmantel mit hohem Stehkragen. Auch dieser ist offline nicht in einem noch so großen Flagshipstore verfügbar. Der Mantel scheint ideal: kurz genug für meinen Schrank und mit Stehkragen, der meinen Hals wärmt. Ich freue mich schon: wenig Aufwand, nur ein Paket zurückgeschickt. Pro Versand fallen etwa 0,5 kg CO₂ an – umweltthematisch also noch vertretbar (Der Mantel wird übrigens laut CO₂ Rechner vom Umweltbundesamt mit rund 20 kg CO₂ Verbrauch berechnet).

Dann entdecke ich im Innenfutter ein verborgenes Pflegeetikett. Ich öffne das „Versteck“ und lese: 100 % Polyamid. Unfassbar -  reines Plastik. Dieser Mantel – trotz Bügel – ist alles andere als hochwertig. Er landet sofort wieder im Versandkarton. Ich bringe ihn persönlich zu Peek & Cloppenburg, „spare“ dadurch 0,5 kg CO₂ und starte den dritten Anlauf: derselbe Mantel wie am Anfang, nur eine Nummer kleiner.

Im Online-Shop von Pepe Jeans ist eine Lieferung in die Filiale möglich. Ich will sicher sein, dass ich nicht wieder alles zurückschicken muss. Keine Paketarie, kein Lapplandmarsch, kein zusätzlicher CO₂-Verbrauch. Allerdings ist der Laden in der Mall of Berlin nicht dort, wo er laut Plan sein sollte. Ich irre durch die Mall. Die beiden interaktiven Terminals sind defekt, es gibt niemanden, den ich fragen könnte, und auch die Navigation über Handy führt mich an den falschen Ort. Nach geraumer Zeit finde ich den Laden. Ich probiere den Mantel an – und hurra, er passt.

Nun heißt es, sich mit der Entscheidung anzufreunden. Als Maximierer überlege ich weiterhin, ob es nicht doch besser gewesen wäre, den ultrateuren Mantel zu kaufen. Das ist falsch, sagt mir mein Buch. Jetzt ist es wichtig sich auf das positive Gefühl zu konzentrieren: ich habe mich entschieden. Dabei bleibt es. Weniger Nachdenken verhilft zu besseren Entscheidungen. Es ist ja auch nur ein Mantel und kein Hauskauf.

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