Älterwerden im Zeitalter der Selbstoptimierung
Warum Jugendlichkeit plötzlich zur beruflichen Qualifikation wird

Entweder stirbt man jung oder wird mit Falten alt. Weder das eine noch das andere erscheint mir aktuell erstrebenswert. Allerdings bleibt es für mich alternativlos. Mit Ü50 habe ich die Jugend weit hinter mir gelassen. Quer- und Längsfalten, Stirnrunzeln und Krähenfüße sind mir ins Gesicht geschrieben. Bisher fiel mir das nicht so auf. Gestern war ich beim Fotoshooting. Die Fotografin will mir ein extra Styling plus Visagistin verkaufen. Ich lehne kategorisch ab, unter uns: etwas Mascara und Lippenstift verteilen kann ich selbst. 

Aufs erste bin ich begeistert von den gut ausgeleuchteten Bildern. Beim zweiten Blick aber fällt mir auf: vor zehn Jahren war meine Haut praller, die Augenschatten weniger und dieses einseitige Schlupflid gar nicht vorhanden.  

Für die Beautyindustrie war Corona ein unglaublicher Glücksfall. Seit der permanenten Selbstansicht dank Videokonferenz stieg die Anzahl der Schönheits OPs explosionsartig. Eine Bürokollegin erzählt von ihren regelmäßigen Botoxspritzen, ein weiterer Freund läßt sich die Lider straffen. Und auch ich sehe es mit meiner neuen Gleitsicht Brille nun überdeutlich: in meinem altersgleichen Umfeld falten sich die Gesichter. Um auf dem Arbeitsmarkt weiter mithalten zu können wird es höchste Zeit mich mit meiner zukünftigen jugendlichen Optik zu befassen. 

Auf YouTube werden mir zahlreiche Schminkvideos angeboten. Eine aschfahle Ü50 Durchschnittsfrau zaubert ihr Gesicht dank zahlreicher Produkte in: „makellose Frische“ und „Gepflegtheit“. Auch Ü70 Frauen werden in Nullkommanichts durch glättende Creme, füllige Kunstwimpern und verlockender Haarteilen zu ungeahnten Femme Fatales.

Ich gehe in mein Bad. Dort steht ein Tiegel Rouge. Mit dem Pinsel aufgetragen sieht es bei mir vor allem nach rosa Farbe auf Wange verteilt aus. Weder gepflegt noch frisch. Vermutlich liegt es am Neonlicht.

Die Ü50 Sprechstundenkraft die ich am nächsten Tag beim Arzt intensiv betrachte befolgt wohl auch einige Tipps der YouTube Videos: dicker Lippengloss, nachgemalte Augenbrauen und konturierendes MakeUp. Von Frische aber keine Spur. Links von ihr sitzt die zwanzig Jahre jüngere und völlig ungeschminkte Kollegin – echte Freshness.

Im Wartebereich betrachte ich Männer in meinem Alter: Zerklüftungen, tiefe Furchen und drei Tage nicht gewaschen. Gepflegt ist anders.

Die Ärztin hat weder künstliche Wimpern noch aufgemalte Apfelwangen - sie strahlt vor allem von innen. Denke ich. In Wahrheit aber nutzt sie vermutlich den Concealer, zu dem mir eine Freundin dringend rät.

Ich kaufe Concealer, Highlighter, Blush Kits, Revitalizing Serum, Prime Glow, Magic Contouring und die Masterpiece Nude Palette, wende alle YouTube Tipps an, gehe Sonntags damit in den Supermarkt und werde tatsächlich von einem schwarzen Typ mit einem „You look beautiful“ angebaggert. Ich hoffe dann klappt es auch auf dem Arbeitsmarkt.

 

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