Lonely Planet
Auf der Spur der geheimen Tipps

Den Lonely-Planet-Individualtouristen würde ich gern kennenlernen: den Checker, der sich nie verläuft, nie übers Ohr gehauen wird und auch immer an den besten Locations sitzt.

Zum Beispiel schreibt Lonely Planet Peking: Man könne sich satt essen an den tollen Straßenständen, die es überall gibt. Ich bin in Peking, stehe an einem der touristischen Hotspots. Um mich herum viel Straße, viele Verkaufsstellen – aber kein Imbiss. Auf Seite 234 folgt der Tipp: Direkt hinter der Tempelanlage, nach einem Mauervorsprung, gibt es leckere Pfannkuchen in vielen landestypischen Varianten, ein kulinarischer Hochgenuss, spottbillig obendrein. Nach zweihundert Metern Suchen, Vorlaufen, Zurücklaufen, Schauen, Vorlaufen, Zurücklaufen: kein Pfannkuchenstand. Vielleicht ist er verschwunden, weil zu billig.

Weiter unten soll auch noch ein wunderbares vegetarisches Restaurant sein, sagt Lonely Planet. In einem Hutong, Seitengasse. Ich gehe in die Seitengasse in den Hutong – die Gegend ist verdreckt und menschenleer. Wäre ich in Deutschland, ich würde da weder reingehen noch etwas Interessantes vermuten. Aber Lonely Planet weiß es mit Sicherheit besser. Nach zehn Minuten treffe ich eine freundliche Asiatin, die per Handzeichen klar macht, was ich schon ahne: Ich bin falsch. Falscher Hutong. Der richtige Hutong – und damit auch das Restaurant – liegt weiter südlich. Südlicher Hutong: optisch wesentlich einladender, aber auch hier kein Veggie-Restaurant.

Ok. Ich mach das jetzt ohne. Nehmen, was kommt. Hier ein Teehaus mit Auslage der Speisen. Hervorragend. Das macht es einfach: deuten und nicken, Steinzeitkommunikation können wir alle. Ich bestelle Tee. Tee in China – ein umfassendes Thema. Immerhin bekomme ich am Ende eine heiße Tasse Tee, kalt wäre auch möglich gewesen. Überraschend die Spezialität des Hauses: Sieht aus wie Joghurt, schmeckt aufs Erste auch so, bis ich die Mitte erreiche: scharf-salzig und wie zerlaufener Camembert. Das grauenhafte Ende einer schönen Joghurtidee. Das Abendessen verbringe ich mit einer deutschen Tüte Chips, total experimentfrei.

Im Lonely Planet steht auch einiges über den sehr großen Flughafen von Beijing, weltgrößter oder zweitweltgrößter, jedenfalls mega, und hat drei Terminals. Terminal zwei ist für internationale Flüge. Weiß ich noch, da kam ich an. Welches ist wohl mein Gate für den jetzigen Inlandflug nach Xining? Eins oder drei? Auf meinem Ticket steht nichts. Lonely Planet macht dazu nur die Angabe von kostenlosen Shuttle-Bussen, die zwischen den Terminals fahren.

Anrufen fällt leider aus. Ich hab kein Telefon und verstehe das chinesische Englisch kaum. Die Anfrage via Google ergibt ein endlos rotierendes Symbol für das Laden der Ergebnisseite. Google wird von China boykottiert. Manchmal haben sie ein Einsehen und dann funktioniert Googlemail, aber eben nur manchmal.

Die stets freundlich lächelnden Damen in der Hotellobby wussten die letzten Tage so wenig, dass ich mir die Terminalfrage spare. Außerdem benötige ich Geld. Hätte ich Lonely Planet aufmerksam von Anfang bis Ende durchgelesen, wäre dieser Fehler nicht passiert. Steht ganz klar drinnen: pro Tag 300 Yuan, es sei denn, man geht nur einmal am Straßenstand essen und nimmt den Bus. Dazu muss man beides aber auch finden.

China ist für mich so teuer wie Deutschland. Auch wenn sie kein Englisch können und die Hutongs alles andere als nach Wohlstand aussehen, ist es nicht gerade günstig. Wie komme ich jetzt zum Yuan? Am Terminal zwei hat es bei der Einreise mit Maestro geklappt. In der China Bank, 24-h-ATM vor dem Hotel, wollten sie nichts mit Maestro zu tun haben, obwohl Lonely Planet das total anders sieht.

Der Flughafenzug hält bei Terminal drei. Vermutlich Inland, vermutlich jetzt am besten aussteigen. Aussteigen und rechtzeitig den Flieger erreichen. Aber ohne Geld? Egal, ich vertraue auf den besagten Shuttle-Bus. Nehme stattdessen Terminal zwei. Finde die Ankunftshalle, hier steht alles auf Englisch plus kinderleichte Icons.

Das Terminal zwei sieht erstaunlich anders aus als bei der Ankunft. Kein Geldautomat, den ich wiedererkenne. Citibank nutzt mir nichts. Ich laufe die gesamte Halle einmal ab und finde einen Automaten. Mit freundlichem Maestro-Zeichen, super.

Jetzt die Sache mit den Nullen. Die Anzeige ist Englisch, da machen sie Kommas weit vor den Cents. Ich drücke eine Taste, nur um zu sehen, wie die richtige Anzeige lauten muss. Das war falsch. Der Automat spuckt Geld aus. Das reicht für drei Tage von jetzt noch sieben. Ich starte erneut. Fehlermeldung: Erneutes Abheben ist ab morgen wieder möglich.

Morgen ist es zu spät. Morgen bin ich in Xining. Xining hat den vermutlich kleinsten Flughafen der Welt mit weder Maestro noch sonst was. Ich hab Euroscheine dabei, für den Notfall. Das ist der Notfall. Und auch der Supernepp. Da brauche ich Lonely Planet gar nicht zu fragen.

Was tatsächlich nutzt, ist ein freundliches Lächeln, und der TravelEx-Agent ändert noch mal seinen absurd hohen Aufschlag. Dass ich rüber zur Konkurrenz gehe, wollte er ja auch nicht. Der Inlandsflug startet in Terminal zwei, kein Shuttle-Bus, kein weiterer Nerv.

Ab Xining bin ich ohne Lonely P.

Nur der Chinese und ich.

Ohne Lonely P. klappt alles. Ein toller Straßenimbiss nach dem anderen taucht plötzlich auf. Die Chinesen sind hilfsbereit und freundlich. Schleifen mein Gepäck durch die Gegend, begleiten mich mit einem Lachen persönlich zum richtigen Check-in, gießen mir heißes Wasser nach. Ich verstehe sogar die Witze. Zumindest denke ich das. Gastfreundschaft, wie ich es mir noch nie vorgestellt hatte.